Donnerstag, 3. September 2015

Das "Etwas"

Einst begab es sich, dass sich ein Jüngling aufmachte, die Welt zu erkunden und etwas zu finden, von dem er nur schemenhaft wusste, was er war, etwas, von dem er bisher nur in Erzählungen gehört hatte. 
 
Angefangen hatte Alles mit seinem Vater, der ihm sagte, es gebe da etwas, wofür es sich zu streben lohne. Der Jüngling war da noch im jungen Kindesalter, wusste diesen Rat nicht recht einzuordnen, vor allem weil sein Vater in das altbekannte Schweigen fiel, als er ihn danach fragte.
Den nächsten Hinweis hatten ihm Freunde geliefert, die sagten, sie würden spüren, dass da noch etwas auf sie warte, es etwas geben müsse, wofür es sich lohne zu leben, zu lernen, zu arbeiten und zu sterben. Das hatte ihn wieder angetrieben zu forschen, zu fragen, doch noch immer wusste er nicht, was dieses "Etwas" sein sollte.
Den letzten Rat hatte er von seinem Lehrer erhalten, der zu seiner Klasse sagte, man müsse reisen, um Großes und Vollkommenheit zu erreichen. 
 
So brach der Jüngling an seinem 18. Geburtstag auf, um dieses "Etwas" zu finden,  er überquerte die tiefsten Flüsse, sprang von den höchsten Wasserfällen, rannte durch die dichtesten Wälder, kämpfte mit den stärksten Bären, bestieg die höchsten Berge, arbeitete sich durch die dunkelsten Tunnel, sprach mit den intelligentesten Gelehrten, küsste und schlief mit den schönsten Frauen, doch musste er in den sieben Jahren seiner Reise feststellen, dass er nichts gefunden hatte, keinen Schatz, kein Wissen, keinen besonderen Ruhm und auch keinen Ruheort. 
 
Er kehrte zurück zu seinem Geburtsort, sprach mit seinen alten Freunden. Sie alle hatten etwas erlebt, einen Beruf gelernt, eine Frau gefunden, ein Haus gebaut und sogar schon Kinder in die Welt gesetzt.
Fragte er sie nach dem "Etwas", nach dem sie streben sollten und wollten, sagten sie alle, es gefunden zu haben, doch was ihn verwirrte, war, dass sie alle etwas anderes benannten: "Es ist eindeutig mein Hof!", "meine Frau!", "meine Tochter!", "Geld!", "Leben!", "Familie!".
Nach diesen Gesprächen nahm der junge Mann nachdenklich platz, keiner von ihnen hatte erlebt oder geschafft, was er aus seinem Leben gemacht hatte, sie waren nicht gereist, hatten nicht versucht, Großes zu erreichen, und trotzdem meinten sie, vollkommen zu sein
 
Er entschied sich, einen letzten Versuch zu wagen, und seinen Vater zu fragen, was dieser vor nun zwanzig Jahren gemeint habe, er musste es wissen.
Seine Familie freute sich sehr, ihn zu sehen, doch hatte er kaum Ruhe und Rast, um die beiden kleinen Zwillinge zu betrachten, die er als Schwestern bekommen hatte, sondern setzte sich mit seinem Vater. Erst schwiegen sie, bis der junge Man platzte, ihm alles erzählte, bis ins kleinste Detail, und ihn abschließend fragte, was er falsch gemacht habe. Sein Vater starrte ihn an, brummte, zündete sich eine Zigarette an, wie er es so oft tat, und schwieg, schwieg, schwieg. Der junge Mann wollte schon aufgeben, sich erheben, seine neuen Geschwister kennenlernen, als sein Vater ihm am Arm festhielt und sagte, es gebe keinen Gegenstand, den er finden, keinen Ruhm, den er erlangen, und auch keine Eigenschaft, die er sich aneignen könne, die das Leben ausmache.
Erschüttert setzte sich der junge Mann, war alles vergeblich gewesen? Doch erkannte er und war froh, dass sein Vater schwieg. Das, was ihn ausmachte, war nicht dort draußen in der Welt, es war bereits in ihm.

Drei Tage später brach er wieder auf, denn das Abenteuer war dieses "Etwas", das er immer finden wollte.

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